Projekt: Aufsuchende, stadtteilorientierte, psychosoziale Begleitung/Betreuung
von russlanddeutschen Drogenkonsumenten

 

Am 1.5.1999 wurde im Rahmen der niedrigschwelligen, aufsuchenden Drogenarbeit von Indro e.V. das zweijährige Modellprojekt "Aufsuchende, stadtteilorientierte, psychosoziale Begleitung/Betreuung von russlanddeutschen Drogenkonsumenten", gefördert durch die Stadt Münster (Siverdis-Stiftung), gestartet.


Zielsetzung

Seit längerer Zeit ist eine Zunahme der Drogenszene durch zum Teil sehr junge rusßlanddeutsche Drogenkonsumenten beobachtbar. Diese Gruppe, die in den letzten Jahren die offene Szene in Münster sichtbar verändert hat, ist in den bisherigen Angeboten der Drogenhilfeträger in Münster kaum berücksichtigt worden. Insbesondere die Negativbegleiterscheinungen wie vermehrte Spritzenfunde und öffentlich sichtbares Konsumgeschehen sowie eine Ausweitung der Problematik in den Stadtteilen Kinderhaus und Coerde machten gerade im Bereich niedrigschwelliger, aufsuchender und stadtteilorientierter Betreuungs- und Beratungsarbeit mit dieser Zielgruppe einen dringenden Handlungsbedarf deutlich. Unsere Erfahrungen zeigen, dasß für Jugendliche dieser neuen Übersiedlergeneration vielfältige Problemkonstellationen festzustellen sind:

Massive Sprachprobleme, Arbeitslosigkeit, Ghettoisierung und von Jahr zu Jahr weniger bereitgestellte Mittel für Eingliederungsarbeit erschweren vor allem den jungen Aussiedlern die soziale Integration. Zudem ist es für Aussiedler besonders schwierig, offizielle, professionelle Hilfsangebote zu akzeptieren, da sie zuerst einmal als der "Staatsmacht" zugehörig verstanden werden. Eine diskursive Kommunikationspraxis ist ihnen darüber hinaus meist unbekannt.

Unsere Erfahrungen zeigen: Rusßlanddeutsche Drogenkonsumenten kamen und kommen vermehrt in unseren Kontaktladen, tauschten und tauschen cleane Spritzen, besorgten und besorgen sich bei uns Alufolie (Konsumform des "Blech-Rauchens") und fragten und fragen auch vereinzelt Hilfsangebote nach. Inzwischen wurden auch die ersten Jugendlichen und junge Erwachsene in Entgiftungen/Therapien/Substitution vermittelt. Hier bedurfte es jedoch einer spezialisierten Ausweitung im Sinne der Erreichung und Kontaktherstellung im Rahmen niedrigschwelliger Drogenarbeit.

Hintergrund der Indro-Konzeption ist, dasß der Drogengebrauch unter den gegebenen schwierigen Bedingungen von Integrationsdruck und Isolation insbesondere in Gruppen als ein sinnstiftendes, gruppenförderndes Ritual verstanden werden sollte. Einzelne Gebraucher haben schon in der alten Heimat gemeinsam konsumiert. Gewohnheiten von früher, beispielsweise das gemeinsame Nutzen des Spritzbesteckes, werden beibehalten, das Wissen über HIV- und Hepatitisinfizierungsmöglichkeiten ist meist nicht vorhanden.

Im Rahmen der niedrigschwellig, akzeptanzorientierten Drogenarbeit geht es nun darum, erst einmal einen Zugang zu den rusßlanddeutschen Drogenkonsumenten zu ermöglichen, psychosoziale und gesundheitliche Verelendung aufzufangen sowie das Infektionsrisiko durch kontaminierte Spritzen zu reduzieren. Durch unser Angebot der Bereitstellung unbürokratischer, lebenspraktischer Hilfen sollen die Risiken des Drogengebrauchs verringert werden (Harm-Reduction). Unser Ansatz läßt sich zusammenfassend dadurch kennzeichnen, daß er

ist.

Insofern verstehen wir akzeptanzorientierte Drogenarbeit als "Empowerment", d.h. sie "stiftet" jenseits einer neuen pädagogischen Rezeptur von Methoden und Interventionsformen zur selbstbestimmten, eigeninszenierten Lebensgestaltung mit und ohne Drogen an. Der "Rahmen" des Modellprojektes ist vor diesem Hintergrund zu lesen.


Angebote

Eine bedürfnisbezogene, zielgruppenorientierte Beratung/Betreuung wird jedoch insbesondere auch durch Sprachbarrieren erschwert. Außerdem zeigten diverse Gespräche mit Sozialpädagogen und Jugendbetreuern in den Stadtteilen Kinderhaus und Coerde einen enormen Handlungsbedarf hinsichtlich drogenspezifischer Aufklärung (Safer Use), Beratung und Betreuungsunterstützung "vor Ort".

Insofern wurde zum einen eine russisch sprechende Sozialpädagogin mit Erfahrung im niedrigschwelligen Drogenarbeitsbereich eingestellt und zum andern ein Informationsheftchen zum Spritzentausch und Safer-Use-Maßnahmen sowie ein Flyer zum richtigen Umgang mit Spritzenfunden für die Mitarbeiter im Rahmen der Jugendarbeit und in russischer Sprache für die anvisierte Zielgruppe verfaßt und verteilt. In Kooperation und enger Vernetzung mit der Begegnungsstätte Sprickmannstraße in Kinderhaus ist unsere Mitarbeiterin "vor Ort" als Ansprechpartnerin tätig. Folgende Angebote werden vorgehalten:

Darüber hinaus findet einmal wöchentlich (mittwochs) von 10.00 - 13.00 Uhr ein Frühstückstreff speziell für drogenkonsumierende Aussiedler im Indro-Kontaktladen mit gezielten Gesprächsangeboten statt. Auf Wunsch werden psychosoziale Unterstützungsmöglichkeiten und Beratung vorgehalten und Vermittlungen zur Entgiftung, Substitution und Therapie (Drogenberatungsstelle, Sofort-Hilfe) geleistet. Unsere ersten Erfahrungen sind als positiv zu bewerten, insbesondere das Frühstücksangebot wird schon rege genutzt. Nach Ablauf des ersten Jahres werden wir eine zusammenfassende Dokumentation vorlegen.

Unsere Konzeption der aufsuchenden, stadtteilorientierten Begleitung/Betreuung von rusßlanddeutschen Drogenkonsumenten als sekundärpräventive Maßnahme besitzt Brückenfunktion und ist Bestandteil des integrativen Rahmenkonzeptes der Drogenhilfe Münsters und trägt dazu bei, die Angebotspalette qualifiziert, differenziert und bedürfnisbezogen abzurunden, die Vernetzungseffizienz zu steigern und somit zu professionalisieren. Die gegebene Problemmassierung hat auf die Dringlichkeit eines schnellen, unbürokratischen Handlungsvollzuges verwiesen, damit Transparenz über die Problematik selbst und entsprechender Angebote der Drogenhilfe hergestellt werden konnte. Ferner ist es auch ein wichtiges angestrebtes Ziel, Ängste und Verunsicherungen im Umgang mit drogenkonsumierenden Migranten in den Stadtteilen und der Öffentlichkeit abzubauen.


Aktueller Jahresbericht (pdf-download)


Kontaktadresse:

INDRO e.V.
Bremer Platz 18-20
D-48155 Münster
Tel. +49 (0)251 60123
Fax: +49 (0)251 666580
Email:
indroev@t-online.de

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(Diese Seite wurde erstellt am 21.06.1999)