Drogenpolitisches

Leitkonzept

 

Bedingungen und Chancen akzeptanzorientierter Drogenarbeit




Seiten am besten lesbar mit

Version 5.0 oder höher

       

1. Ausgangssituation

Die Zahl der offiziell gezählten Drogentoten ist immer noch immens hoch  (1999 1723 an den Begleitumständen des Drogengebrauchs gestorbene Menschen). Die soziale, gesundheitliche und materielle Verelendung in den öffentlich sichtbaren Drogenszenen ist häufig nicht zu übersehen. Viele zwanghaft Drogengebrauchende leiden weiterhin unter schweren chronischen Erkrankungen (z.B. Hepatitis C). Die Gefängnisse sind zum Teil mit Drogengebrauchenden überfüllt: Es ist von einer Gesamtzahl von etwa 20.000 Drogenabhängigen im Justizvollzug auszugehen. Die Mehrheit derjenigen, die sich einer stationären Langzeittherapie unterziehen (müssen), sind sog. „Auflagenklienten“ (§ 35ff). Nur wenige der zwanghaft und exzessiv Drogengebrauchenden  erreichen durch therapeutische Bemühungen langfristige Abstinenz (1).

Hinsichtlich der Verabschiedung des „Nationalen Rauschgiftbekämpfungsplanes“ (BMJFFG, 1990), des Europäischen Drogenbekämpfungsplanes auf der Grundlage der Wiener Beschlüsse vom 19.12.1988 (in der BRD ratifiziert am 13.5.1993), des Gesetzesentwurfes zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität (OrgKG) und des Europäischen Aktionsplanes Drogenbekämpfung (Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht - EBDD -) und im Rückblick auf mehr als dreißig Jahre verbotsorientierter Drogenpolitik muss folgende Bilanz gezogen werden:

Die Anzahl der registrierten,  erstauffälligen Konsumentinnen und Konsumenten illegalisierter Drogen erreichte 1999 die Marke von 20.000. Nach Schätzungen des Bundesministeriums für Gesundheit sollen ca. 250.000 - 300.000 Menschen zu den Gebrauchern und Gebraucherinnen sog. „harter“ Drogen gehören. Eine Untergruppe davon, nämlich 100.000 bis 150.000, weisen angeblich abhängige und hochriskante Konsummuster auf (2).

Fakt ist eine quantitative Zunahme von Gebrauchern und Gebraucherinnen illegalisierter Drogen und ihre soziale Deklassierung, Kriminalisierung und gesundheitliche Verelendung sowie ein erhöhtes Mortalitätsrisiko. Das gravierende HIV- und Hepatitisinfektionsrisiko insbesondere in Haftanstalten muss an dieser Stelle besonders hervorgehoben werden. Die Drogenverbotspolitik konnte bislang ihre Zielbestimmungen nicht erfüllen, nämlich den Drogengebrauch einzuschränken, Neueinstiege zu verhindern, den illegalen Drogenmarkt zu bekämpfen und den Betroffenen wirksam zu helfen.

Es hat sich weiterhin als eine Fehleinschätzung erwiesen, dass durch Aufrüstung im “Drogenkrieg“ und durch die massive Vertreibung und Auflösung („Junkie-Jogging“) offener Drogenszenen (wie in verschiedenen Städten praktiziert) die Verfügbarkeit von illegalisierten Drogen eingeschränkt werden kann oder das Problem an sich gelöst wird (nur ca. 5% bis 10% der angebotenen Drogen werden dem illegalen Drogenmarkt entzogen). Drogen sind nicht aus der Welt zu schaffen, nicht einmal in Strafanstalten (3).

Eine weitere Verschärfung des heute dominierenden „legal approach“ (kriminalpolitischer, prohibitiver und repressiver Ansatz) durch eine noch intensivere Strafverfolgung und Pönalisierung des Umgangs mit angeblich sozialschädlichen Drogen verkennt die Vielschichtigkeit des Drogengebrauchs. Sie setzt sicherheitspolitische Erwägungen und generalpräventive Strategien vor betroffenenorientierte und gesundheitsfördernde Maßnahmen. Durch den Ausbau der strafrechtlichen Verfolgungspraxis wird die gesundheitliche und soziale Lebenssituation der annähernd 300.000 heroin/kokaingebrauchenden Menschen über das erträgliche Maß hinaus verschärft: Hohes Mortalitätsrisiko, gesundheitliche Schädigungen durch gepanschte Straßendrogen und menschenunwürdige Konsumbedingungen. Ganz zu schweigen von der hohem HIV-Prävalenz und AIDS-Inzidenz, Obdachlosigkeit und hohen Kriminalisierungsdruck. Dabei ist längst bekannt, dass der Gebrauch reiner Opiate wie Heroin bei hygienischen und dosisangepassten Konsumbedingungen kaum akute oder chronische physische Schäden zur Folge hat. Hierbei sollte jedoch nicht das hohe Suchtpotential von Heroin unterschlagen werden. Der Gebrauch von pharmakologisch reinem Heroin ist ohne gravierende Schädigungen möglich: Man kann damit sogar alt werden. Es sind jedenfalls vermehrt die Konsumbedingungen, die wirklich gesundheitsschädlich sind und die das dominante, mediengerechte Bild vom Teufel Rausch-Gift immer wieder neu bestätigen. Wenn die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zur staatlich kontrollierten Orginalstoffvergabe in der Schweiz und in den Niederlanden eines überaus deutlich gezeigt haben, dann eine Entdämonisierung der Substanz Heroin (4).


(1) vgl. Bundesministerium für Gesundheit: Drogen- und Suchtbericht 1999. Berlin 2000; Baumgart,M.C.: Illegale Drogen - Strafjustiz - Therapie. Max Planck-Institut. Freiburg 1994; Jacob,J./Stöver,H.(Hg.): Minimierung gesundheitlicher Risiken bei Drogenkonsum unter Haftbedingungen. Universität Oldenburg 1998

(2) vgl. Bundesministerium für Gesundheit: Drogen- und Suchtbericht 1999. Berlin 2000; Simon,R./Tauscher,M./Pfeiffer,T.: Suchtbericht Deutschland 1999. Hohengehren 1999;

(3) vgl. Hess,H.: Drogenpolitik und Drogenkriminalität. Von der Repression zur Entkriminalisierung. In: Neumeyer,J./Schaich-Walch,G.(Hg.): Zwischen Legalisierung und Normalisierung. Marburg 1992; Zurhold,H.: Kriminalität und Kriminalisierung drogengebrauchender Frauen. Berlin 1998

(4) vgl. Schneider,W./Buschkamp,R./Follmann,A.(Hg.): Heroinvergabe und Konsumräume. Berlin 1997


2.  Entwicklungslinien akzeptanzorientierter Drogenarbeit

Seit Ende der achtziger Jahre befindet sich die Drogenarbeit in einer Umbruchphase. Beispielhaft sei hier nur die Methadondiskussion genannt. Ausgelöst wurde dieser Umbruch von einer ausschließlich abstinenzorientierten Drogenhilfe hin zu einer adressatenorientierten, bedürfnisbezogenen Drogenarbeit durch mehrere Faktoren: Erstens muss hier die offenkundig geringe Reichweite des hochschwelligen und abstinenzorientierten Drogenhilfesystems angeführt werden. Zweitens „zwangen“ die sich von Jahr zu Jahr erhöhende Zahl von Drogentodesfällen, die zunehmende gesundheitliche und soziale Verelendung der Drogenabhängigen in den öffentlichen Drogenszenen sowie ständig steigende gesellschaftliche Sekundärkosten (Beschaffungskriminalität etc.) zu einem Beschreiten neuer Wege. Die starke Verbreitung der HIV-Infektionen und das Aufkommen der Immunschwächekrankheit AIDS unter intravenös applizierenden Drogenkonsumenten führte zudem dazu, neue Wege im sekundärpräventiven Bereich (Schadensbegrenzung statt unmittelbarer Abstinenzforderung) der Drogenhilfe zu gehen. Auch der Gesetzgeber der BRD ist diesem Ansatz zumindest teilweise gefolgt: 1992 wurde eine Opportunitätsvorschrift eingeführt (§ 31a BtMG), die eine Einstellung des Verfahrens bei geringen Mengen zum Eigenverbrauch seitens der Staatsanwaltschaft vorsieht. Ferner ist eine Substitutionsbehandlung jedoch nur in medizinisch begründeten Einzelfällen unter strenger ärztlicher Kontrolle rechtlich zulässig. Weiterhin gilt hier die sog. "Ultima-Ratio-Klausel“ ( siehe auch die neuen AUB-Richlinien zur methadongestützten Behandlung der Ärzte und Krankenkassen von 1999). Darüber hinaus stellt nach den BtMG-Änderungen vom 6.7.1992 die Abgabe bzw. der Tausch steriler Einwegspritzen kein Verschaffen bzw. Gewähren einer Gelegenheit zum unbefugten Gebrauch mehr dar, sondern dient der Gesundheitsprävention und Infektionsprophylaxe. Ferner wurde ein Zeugnisverweigerungsrecht für Mitarbeiter der Drogenhilfe eingeführt. Das dritte Gesetz zur Änderung des Betäubungsmittelgesetzes  ist am 25.2.2000 durch den Vermittlungsausschuss des Bundesrates angenommen worden und sieht  die Einführung eines neuen § 10 a ins BtMG vor, der eine Erlaubnis für den Betrieb von Drogenkonsumräumen über eine länderspezifische Rechtsverordnung ermöglicht.

Neuere qualitative, lebensweltnahe Forschungsergebnisse machen deutlich, daß Drogengebrauchsentwicklungen nicht mehr  in der vereinfachenden
Kausalkette, nämlich „Persönlichkeitsdefizit - Soziale Probleme - Abhängigkeit - Therapie - Abstinenz“, aufgehen, geschweige denn in einem linearen Drogengebrauchsmodell zu fassen sind.  Drogenabhängigkeit ist kein statischer Zustand, der einmal erreicht und nur und ausschließlich über Langzeittherapie aufhebbar ist (Alternative: Knast, Tod). Ein ausschließlich substanzfixiertes Krankheitsbild ist darüber hinaus in seiner Pauschalität nicht mehr haltbar.  Forschungsergebnisse zeigen demgegenüber  

  • ein aktives Subjekt, das sich mit den jugendalter- und szenetypischen Widrigkeiten situationsspezifisch auseinandersetzt;

  • die Offenheit und Vielschichtigkeit von Drogengebrauchsentwicklungen;

  • die Variabilität von Einstiegs- und möglichen Ausstiegsverläufen, deren Motive sowie die Möglichkeit der Entwicklung auch kontrollierter, regelorientierter Gebrauchsformen;

  • selbsteingeleitete und durchgeführte Ausstiegsprozesse auch ohne professionelle Betreuung und Behandlung.

Weiterhin machen diese Forschungsergebnisse deutlich, dass eine einseitig auf Abstinenzorientierung ausgerichtete Drogenhilfe der Vielschichtigkeit unter Drogengebrauchern und Drogengebraucherinnen sowie von Drogenentwicklungsverläufen nicht mehr gerecht wird.


3. Grundlagen und Zielsetzungen akzeptanzorientierter Drogenarbeit

Grundlage akzeptanzorientierter Drogenarbeit ist, dass Drogengebrauchende als mündige, zur Selbstverantwortung und Selbstbestimmung fähige Menschen angesehen werden , die ein Recht auf eine menschenwürdige Behandlung haben. Eine derartig zielgruppenorientierte Arbeit basiert auf Freiwilligkeit und ist nicht bevormundend ausgerichtet. Drogengebrauchende werden so akzeptiert wie sie sind. Der leider inflationär verwandte Begriff Niedrigschwelligkeit bedeutet demgegenüber, dass möglichst wenig Hemmschwellen Drogengebraucher von der Benutzung von Hilfsangeboten abschrecken bzw. ausschliessen sollen. Insofern ist Niedrigschwelligkeit nur ein methodischer Ansatz, der nicht notwendigerweise eine Abkehr vom Abstinenzparadigma beinhaltet. Auf feste Terminvereinbarungen, Cleanstatus und der demonstrativen Darstellung einer Absti­nenzmotivation als Voraussetzung für Inanspruchnahme von Angeboten und Hilfestellungen wird verzichtet.

Das abstrakte Heilungsideal und Clean-Postulat, Therapiemotivationsarbeit, Leidensdrucktheorie, Klientelisierung (Unterstellung von genereller Behandlungsbedürftigkeit), Defizittheorie (Drogengebrauchende als kranke Störungsbündel) und der sogenannte „helfende Zwang“, gehören nicht zu den konzeptionellen Grundlagen einer akzeptanz­orientierten Drogenarbeit. Die Arbeit in den offenen Unterstützungsangeboten kann insofern auch als anforderungsarm bezeichnet werden. In der Praxis hat sich inzwischen gezeigt, dass Angebote akzeptanzorientierter Drogenarbeit ( z.B. Kontaktläden und Konsumräume) es ermöglicht haben, zusätzliche Gruppierungen von Drogengebrauchenden zu erreichen.

Nationale wie internationale Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen  akzeptanzorientierter Drogenarbeit verdeutli­chen, dass diese Angebote im Sinne von schadensbegrenzenden Unterstützungsmöglichkeiten und Überlebenshilfen in der Lage sind, drogengebrauchende Mitbürger direkt anzusprechen. Ferner werden Selbsthilfeorganisationsressourcen der Betroffenen  unterstützt (wie JES, Junkie-Bünde etc.), Safer-Use-Strategien gestärkt  und - auf Wunsch - ergänzende, verbindliche Hilfen wie Substitutions-, Entzugsplatz- und Therapievermittlungen sowie betreute Wohnformen angeboten.

An die Umsetzung akzeptanzorientierter Drogenarbeit sind jedoch sechs inhaltliche Voraussetzungen gebunden:

  1. Verständnis der positiven und negativ-schädlichen Seite von psychoaktiv wirksamen Substanzen;

  2. Gelassenheit gegenüber der dynamischen und auch diskontinuierlichen Entwicklungsmöglichkeit auch bei zwanghaft und exzessiv Gebrauchenden;

  3. Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts von Drogengebrauchenden bezüglich Intensität, Richtungsverlauf und Verbindlichkeit der Kontakte;

  4. Akzeptanz von Drogengebrauchenden als Subjekte ihrer eigenen Entwicklung;

  5. Akzeptanz des drogenbezogenen Lebenstils im Sinne von Unterstützung und Förderung vorhandener Selbststeuerungskompetenzen und Selbstorganisation;

  6. Professionelle Herstellung eines ausgeglichenen Verhält­nisses zwischen Nähe und Distanz (keine Instrumentalisierung und Verantwortungsübernahme).

Diese sechs Prämissen sind Qualitätsstandards einer akzeptanzorientierten Drogenarbeit. Akzeptanzorientierte Drogenarbeit orientiert sich an folgende Ziele:

n    Überleben sichern

n    Sicherung eines gesunden Überlebens ohne irreversible Schädigungen

n    Verhinderung sozialer Desintegration

n    Gesundheitliche und psychosoziale Stabilisierung

n    Unterstützung eines selbstverantwortlichen, kontrollierten Drogengebrauchs als Vermeidung dysfunktionaler Gebrauchsmuster

n    Ermöglichung und Unterstützung längerer Drogenkontrollphasen (mit Substitut oder ohne)

n    Unterstützung individueller Herauslösung aus der Drogenszene  

Die Zugangsmethode „Niedrigschwelligkeit“ und der inhaltliche Arbeitsansatz Akzeptanz erhöht also insgesamt die Reichweite von Drogenhilfe. Akzeptanzorientierte Drogenhilfe ist niemals nur Ergänzung der Angebotspalette von klassischer Drogenhilfe, sondern will mit ihren „neuen“ Ideen und Ansätzen auch drogenpolitisch auf diese zurückzuwirken. Doch auch heute noch werden schadensminimierende und selbstorganisationsbezogene Ansätze im Sinne der Leidensdrucktheorie als Methode der Suchtverlängerung, als „Kapitulation vor der Sucht“ abgelehnt.

Akzeptanzorientierte Drogenarbeit als ein integraler Bestandteil öffentlicher Drogenhilfe zielt auf die Minimierung der gesundheitlichen, sozialen und psychischen Risiken für Drogengebraucher, die überwiegend durch die gegenwärtige Drogenverbotspolitik hervorgerufen werden. Sowohl Effektivität als auch Stellenwert und Selbstverständnis akzeptanzorientierter Drogenarbeit leiden unter der paradoxen Situation, in weiten Bereichen konträr zur offiziellen Drogenpolitik zu stehen.

Sie versteht sich weiterführend nicht als Alternative oder Konkurrenz zu abstinenzorientierten Einrichtungen, sondern als eine veränderte Sichtweise von Drogengebrauch und Drogenentwicklungsverläufen. Drogenkonsum akzeptierende Hilfen in Form offener, szenenaher Kontakt- und Anlaufstellen machen feste Beratungs- und Therapieangebote nicht überflüssig. Im Gegenteil: Durch die große Reichweite akzeptanzorientierter Angebote hat sich auch die Nachfrage nach verbindlichen Hilfen wie Einzelfallberatungen, Entzugs- und/oder Therapieantritten, Substitutionsmaßnahmen, intensiver ambulanter, psycho-sozialer Begleitung u.a.m. erhöht. Es muss allerdings durch den Aufbau diversifizierter Hilfsangebote für Drogengebrauchende eine echte Wahlfreiheit  zwischen verschiedenen Hilfsangeboten geschaffen werden.   Drogengebrauchende Menschen müssen das Recht erhalten, über den für sie geeigneten Weg mit und ohne Drogen selbst zu bestimmen.


4.  Drogenpolitische Forderungen

Akzeptanzorientierte  Drogenarbeit als adressatenorientierte und bedürfnisbezogene Perspektive der Einbeziehung vorhandener Handlungskompetenz von drogengebrauchenden Menschen sieht eine Zielorientierung in der Stützung und Vermittlung von Safer-Use-Strategien und risikobewusster Gebrauchsregeln. Akzeptanzorientierte Drogenarbeit wirkt auf die Aufhebung der pädagogischen „Reparaturmentalität“ hin (Motto: „Wir wissen schon, was für Euch gut ist"). Die Unterstützung zur (Wieder-)Herstellung der Selbststeuerungsfähigkeit (Empowerment), d.h. der Abbau der „Opfer- und Klientenrolle“ von Drogengebrauchenden wird somit zum Angelpunkt einer nicht abstinenzbezogenen, schadensbegrenzenden Drogenarbeit. Sie stiftet jenseits einer neuen pädagogischen Rezeptur von Methoden und Interventionsformen zur selbstbestimmten, eigeninszenierten Lebensgestaltung mit und ohne Drogen an.

Eine so verstandene Drogenarbeit toleriert das Recht auf Anders-Sein von Drogengebrauchenden und macht sie nicht zum Objekt staatlich-administrativer und sozialpädagogisch-therapeutischer Massnahmen. Sie ist nicht ständig auf der Suche nach neuen „Klienten“ und erschöpft sich nicht in der Produktion von Legitimationstheorien zu ihrer eigenen Erhaltung. Sie wehrt sich gegen eine ausschliessliche  Psychiatrisierung und  Therapeutisierung von Drogengebrauchenden und damit verbunden gegen eine „Methodisierung der Köpfe“ der „Helfer“.  Akzeptanzbezogene Drogenarbeit orientiert sich an die vorhandenen Stärken der drogengebrauchenden Menschen in ihrem Lebensraum in einem möglichst verständigungsorientierten Dialog, tritt anstelle von zwanghaften Reintegrationsbemühungen via moralgesteuerter, abstinenzbezogener Massnahmen: d.h. Selbstgestaltung statt Zwangskorrektur.

Aufgabe schadensbegrenzender Drogenarbeit ist es, Drogengebrauch zu tolerieren und Informationen über risikoarme und gesundheitsschonende Gebrauchs­varianten zu vermitteln. Neben Hinweisen auf risikobewußte Gebrauchsformen (Safer-Use-Maßnahmen) müssen hierzu auch Informationen über Verunreinigungen und Stoffkonzentrationen von illegalisierten Drogen (Heroin, Kokain etc.) gehören. Es gilt,  Überdosierungen zu vermeiden und die gesundheitlichen Risiken allgemein zu reduzieren (Drug-Checking-Projekte; Frühwarnsysteme).

Eine Reduzierung gesundheitlicher und sozialer Risiken ist durch folgende Massnahmen erreichbar:

n    niedrigschwellige Substitutionsmöglichkeiten mit Methadon, Codein oder anderen Opioiden ohne rigide Indikationskriterien, Abschaffung der Ultima-Ratio-Klausel, keine psychosoziale Zwangsbetreuung von Substituierten

 

n    Einrichtung von Drogenkonsumräumen als Überlebenshilfe und Gesundheitsschutz

 

n    flächendeckende Originalstoffabgabe

 

n    Verteilung von sterilen Spritzbestecken und hygienischen Gebrauchsutensilien insbesondere auch in Justizvollzugsanstalten

 

n    Ausbau niedrigschwelliger Angebote bezüglich lebenspraktischer Hilfen

 

n    Wohnraumvermittlung, betreutes Wohnen bei eigenständiger Haushaltsführung, Wohnprojekte für HIV-infizierte Frauen und Männer, ausreichende Versorgung mit Notschlafstellen

 

n    Ausbildungs- und Arbeitsvermittlungen

 

n    Einrichtung von Schutzräumen für sich prostituierende DrogengebraucherInnen

 

n    Ausbau qualifizierter Entgiftungsmöglichkeiten mit Methadon u.a. Opioiden ohne Therapieverpflichtung

 

n    Ausbau entwicklungsangemessener, ambulanter und stationärer Therapieformen im sozialen Nahfeld und Erweiterung ambulanter Behandlungsmöglichkeiten

 

n    Abschaffung des sog. „Zwangs“-therapieparagraphen (§ 35ff.) zugunsten der Ermöglichung freiwilliger Therapiemassnahmen

 

n     kostenlose Hepatitisschutzimpfungen

 

n    flächendeckende szenenahe ärztliche Akutversorgung

 

n    Unterstützung von Selbstorganisationsbestrebungen z.B. Junkiebünde, JES-Gruppen

 

n    Förderung von akzeptanzorientierter Angehörigenarbeit

 

n    Förderung betroffenengestützter Verbraucherberatung durch sog. Peer-Support-Systeme

 

Unsere Hauptforderungen bleiben: Entkriminalisierung der Drogengebrauchenden und Legalisierung der heute noch illegalisierten Substanzen.

Akzeptanzorientierte Drogenarbeit bezieht sich nicht auf das Drogenfreiheitspostulat, stellt keinen Appell an sofortige Verhaltensänderung. Sie kooperiert mit den Drogengebrauchenden bei der Erarbeitung eines eigenverantwortlichen, risikominimierenden, aber auch genussorientierten Umgangs mit illegalisierten Drogen. Dazu muss sie  „Drogen-Beratung“ im wahrsten Sinne des Wortes durchführen und Angebote unterbreiten, die einen gesundheitsschonenden Konsum in Eigenregie er­möglichen. Eine  akzeptierende Drogenarbeit mit dem Ziel einer  Normalisierung der Lebensbedingungen von drogenkonsumierenden Menschen wird aber erst dann gelingen, wenn sich auch die Drogenpolitik notwendigen Konsequenzen (personenbezogene Entkriminalisierung, substanzbezogene Legalisierung) nicht verschließt. Dies ist sicherlich keine Lösung des Suchtproblems und schon gar kein neuer Königsweg. Drogen würden so unter qualitäts- und dosiskontrollierten Bedingungen erhältlich sein für diejenigen, die sie so oder so konsumieren und die sie sich unter den heutigen Verhältnissen in der illegalen Drogenszene  verschaffen, koste es was es wolle, nämlich die Gesundheit und oft genug das Leben.

Erarbeitet von: Dr. Wolfgang Schneider, Indro e.V.

Münster, Juni 2000

Vorstand akzept NRW e.V.:

Rolf Buschkamp, Arbeitskreis für Jugendhilfe e.V. Hamm
Claudia Domke-Becker, Arbeitskreis Jugend- und Drogenberatung e.V., Ahlen
Dr. Wolfgang Schneider, INDRO e.V., Münster

Kontaktadresse akzept NRW e.V.:

akzept NRW e.V.
Widumstrasse 1
59065 Hamm
Fon: 02381 921530

 

Zurück zum Startindex